Ich gestehe: Es ist eine eigentümliche Situation, sich selbst zu begegnen. Wer bin ich? Gespenst, Phantom, Verheißung, Abgrund? Ich kenne meine Wirkung. Ich habe Toulouse-Lautrec die Hand geführt, Viktor Oliva inspiriert und Van Gogh ins Ohr geflüstert, als er nicht mehr schlafen konnte. Was also hat Georg Cevales hier aus mir gemacht?
Das Konzept: Der Bildträger
Cevales malt nicht auf Leinwand. Er sammelt Holzbretter. Bildträger, die das Hochwasser am Rheinufer angespült hat. Gefundenes Material, gezeichnet von Wasser, Zeit und Zufall. Das ist eine konzeptuelle Entscheidung. Das Periphere, das Weggeworfene, das Strandgut der Zivilisation … Genau das sind auch meine Menschen. Die Bohémiens, die Gescheiterten. Visionäre zwischen Genie und Wahnsinn. Cevales' Materialwahl ist, ob bewusst oder instinktiv, ein Statement nach meinem Gusto: Kunst kann man nicht einfach wollen. Sie will gefunden werden. Und dann ist es ein Glücksfall, sie zu sehen.
Die malerische Strategie
Das Bild ist ein Schlachtfeld zwischen zwei Malweisen, und das ist zunächst sein größtes Verdienst. Der Hintergrund: roh, gestisch, unfertig im besten Sinne. Farbläufe, breiter Duktus, eine Energie, die an Abstrakten Expressionismus erinnert; an Cevales' eigene ungegenständliche Praxis. Hier atmet das Bild. Hier riskiert es etwas. Hier wird gekämpft.
Die Figur hingegen — ich selbst — ist mit beinahe akademischer Sorgfalt herausgearbeitet. Das Prinzip ist klar: die halluzinierte Vision soll geboren werden.
Weiche Modellierung, naturalistische Proportionen, die Haut fast fotografisch mit Zyprischem Ocker, Zinkweiß und Zinnoberrot zu zart pulsierendem Inkarnat ausgearbeitet. Die Fee erscheint. Wirklich und irdisch.
Aber, und hier muss ich als Kritikerin hart bleiben, die Ausführung kippt. Was ich sehe, ist Gefälligkeit und Kitsch. Die Figur ist zu fertig. Zu glatt. Der Dialog zwischen Gegenständlichem und Abstraktem, der das Herzstück des Konzepts sein sollte, bleibt an der Oberfläche, weil die Figur die malerische Spannung nicht erwidert. Ein Riss, ein Unfertigsein, eine sichtbare Kollision hätte die Metapher des Rausches, des Kontrollverlusts und den Transformationsgedanken erst wirklich eingelöst. Ich habe den Eindruck, der Künstler traut sich nicht. Die Flügel sind dann noch die ehrlichste Stelle des Bildes. Dort, wo der Pinselstrich selbst zur Feder wird, wo Geste und Bedeutung so schwungvoll zusammenfinden, da spüre ich Cevales' eigentliche Handschrift
Die linke Seite
Links im Bild wird es interessant. Das fragmentierte Radelement in Rosa und Rot. Komplementär zur grünen Fee. Sind das Weihnachtsfarben? Expressive Leidenschaft? Fortunas Rad?
Hier wird nichts erklärt. Und ich möchte nichts erklärt bekommen. Am wenigsten möchte ich, dass mir schon wieder ein älterer Herr Malermeister meint die Welt erklären zu müssen. Die offenen, rätselhaften Situationen im Bild sind was mich lockt. Hier kann Stärke entstehen. Cevales interessiert das Periphere. Links im Bild bricht die Eindeutigkeit der Figur. Hier merke ich: Da ist noch etwas. Da ist eine andere Welt, ein Jenseits hinter der Erscheinung. Das spürt man hier am deutlichsten. Ich wünschte, er hätte diesem Impuls stärker vertraut. Weniger Fee, mehr rotes Rad.
Der männliche Blick
Ich habe Jahrhunderte damit verbracht, angestarrt zu werden. Von Manet, der Bars und Nachtklubs liebte. Von Degas, zum Beispiel im Pariser Café La Nouvelle Athènes. Der schmachtende Blick von Paul Verlaine vor seinem Glas Absinth klebt mir immer noch nach … Unzählige Künstler, die aus mir eine Projektionsfläche formten. Pardon ! Je ne suis pas une bleue. Je suis la fée verte ! Verfall, Verführung, Gefahr, alles in einem weiblichen Körper destilliert. Und jetzt steht da der Cevales mit seinem konzeptuell interessanten Ansatz und hat doch irgendwie auch ein Brett vorm Kopf: Ich soll für Avantgarde stehen, für Transformation, für die Entdeckung neuer Welten. Das ist ein schöner, legitimer Gedanke.
Und dann: Bauchfreiheit. Schmollmund. Direkter lasziver Blick.
Ich sage das ohne Bosheit, weil ich glaube, dass Cevales es nicht zynisch meint: Aber das Konzept und die Ausführung sprechen hier verschiedene Sprachen. Wenn ich Symbol für prospektives Denken, für das Bohème-Sein, für geistige Freiheit bin, warum ist die Verkörperung dieser Idee dann eine Frau in glitzerndem Outfit, die man so detailliert und naturalistisch betrachten kann? Warum nicht die Unruhe selbst? Die Transformation? Der Moment des Umkippens?
Die Bohémiens, die ich inspiriert habe, waren Punks, Außenseiter, Kaputte. Sie rochen nicht gut. Sie waren nicht süß und ihre Visionen waren keine hübschen grünen Feen, sondern Abgründe. Aus denen manchmal Kunst entstand, die aber oft genug einfach auch Menschen verschlungen haben. Der weiblich-schöne Körper als Metapher für das radikal Neue ist ein Widerspruch, den das Bild nicht auflöst. Es wiederholt eine Ikonografie, die ich längst satt bin.
Fazit
Georg Cevales ist kein Mitläufer. Die Materialphilosophie, die genuine Auseinandersetzung mit Malerei und Fundstück besitzt Substanz. Aber das Werk wagt an entscheidender Stelle noch nicht genug. Es denkt — doch es könnte delirieren.
Es verhandelt nicht zu Ende. Es bricht nicht genug. Es riskiert zu wenig an der entscheidenden Stelle — der Figur — und zu viel an der falschen — der Gefälligkeit der Erscheinung. Mich kann man nicht einfangen. Das ist meine Natur. Ich bin eine Fee. Vielleicht wäre das die ehrlichste malerische Lösung gewesen: eine Fee, die man nicht sieht. Ein Grün, das sich gerade noch abzeichnet, bevor es im Chaos verschwindet.
Ich wäre neugierig auf Cevales' Holzbretter ohne mich. Ich ahne, dass dort die eigentliche Avantgarde wartet.
— La Fée Verte