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Die Ökologischen Probleme Venedigs sind vor allem nach dem Ersten Weltkrieg aufgetreten. Die Lagune wurde immer kleiner, durch Trockenlegungen für Industriegebiete oder auch für den neuen Flughafen. Landwirtschaft und Fischzucht erforderten weitere Großgebiete, so daß inzwischen nur noch zwei Drittel von der ursprünglichen Fläche übrig blieben. Zur Verringerung der Lagunenfläche kommt eine massive Verschmutzung, die hauptsächlich durch giftige, umweltfeindliche Abwässer der Ölindustrien entsteht. Aber auch durch das Problem der Kanalisationssysteme, welche z.T. noch aus der Zeit Napoleons stammen. Alle Abwässer werden in Rohren die oft verstopft oder brüchig sind zu einer großen Sickergrube vor der Insel San Michele geleitet. Die Gefahr der Verschmutzung des Wassers und der Stadt -was auch durch den regen Schiffsverkehr noch verschärft wird- besteht einerseits für die bis dahin artenreiche Tier- und Pflanzenwelt der Lagune, anderseits für die Stadt unmittelbar. Denn die jahrhundertealten Fundamente auf denen die marmorne Pracht lastet, werden nun angegriffen. Daher werden gerade die Baumstamm-Fundamente morsch und bilden für manches Haus keinen sicheren Grund mehr. Durch unterlagunische Brunnen entnahmen die Industrien jahrzehntelang das nötige Wasser für sich; dadurch sank die "schwimmende Stadt" irreparabel in 20 Jahren 10 cm. Inzwischen holt man sich das Wasser aus den Flüssen Sile und Tagliamento, welche auch die öffentlichen Wasserleitungen speisen. Das chronische Absinken Venedigs ist nun auf einen halben Millimeter im Jahr begrenzt.

Die verheerenden Hochwasser in den letzten Jahrzehnten, welche heute durch Sirenen angekündigt werden, schreckten die Weltöffentlichkeit zwar kurz auf, hatten aber keine grundlegenden Änderungen zur Folge. Das lag aber auch an der Unkenntnis und Bequemlichkeit der Politiker in Rom und in der Region Venetiens. Selbst die unzweifelhaft bestehende Gefahr des Hochwassers hat ja nur zum Teil die globale Erwärmung und das damit verbundene Schmelzen des polaren Eises als Ursache. Speziell in Venedig kommt zu dieser Tatsache nämlich noch die zu kleine Lagune, welche heute weniger Stauraum bietet als früher. So fällt die "Schwammwirkung" weg, und durch die Fahrrinnen für Öltanker kann ein viel größeres Wasservolumen auf die Stadt zu schießen als zur Zeit der Serenissima. Damals wurde die wuchtige Gewalt der nahenden Wasserfluten noch durch viele verzweigte Kanäle in der umfangreichen Lagune aufgefangen. Erreichte der erhöhte Pegel dann noch die Stadt, war zumindest die Stärke der Wellen gebrochen, und das Wasser konnte nicht so ungestüm zerstören wie zum Beispiel am 4. November 1966, als es durch stürmische Winde aufgepeitscht mit 1,94 Meter über normal so viel Unglück nach Venedig brachte. Während des viertägigen Hochwassers wurden in Venedig nicht nur Keller und Erdgeschosse überflutet, von einer stinkigen Salzwasserbrühe, welche sich dabei in allen Mauern und Ritzen absetzte, und dort Marmor in wasserlöslichen Kalk oder verputzte Wände in Backsteinruinen umwandelte.

Die Umweltorganisation "Italia Nostra" und die meisten Bewohner Venedigs sind der Meinung, daß die wichtigste Maßnahme, um Venedig zu beschützen, das Auffüllen der tiefen Fahrrinnen in der Lagune sei. Dem Projekt "Modulo Sperimentale Elettromeccanico" kurz MOSE, stand man in Venedig zunächst sehr skeptisch gegenüber. Das MOSE ist eine riesige Maschine, die im Falle einer Überschreitung des Normalpegels wie ein Tor zugeht und die Lagune vom Meer abschließt, so daß das Wasser um Venedig unter dem Meeresspiegel liegt. Das diese Idee von Industriellen als wichtiger Beitrag für Venedig angesehen wird, mag wahrscheinlich auch noch an den 2,5 Milliarden Euro liegen, welche diese Vorrichtung kosten soll. Außer diesem einen Vorschlag, der bis 2014 verwirklicht  sein soll, gibt es noch viele andere, über das was man mit Venedig machen könnte. Das reicht von einem U-bahn-Netz bis zur Betonierung der Kanäle, um die Stadt straßenverkehrstauglich zu machen. Als richtig sinnvoll dagegen erscheint die Idee, eine Art Eintrittsgeld für Venedig zu verlangen, denn obwohl der Tourismus schon die Haupteinkommensquelle der Stadt ist, verdienen die privaten Unternehmen an den Touristen am meisten. Mit 5 Euro (zum Beispiel) täglich wäre der Stadt schon sehr geholfen. Durch die Millionen Besucher jährlich käme ein Budget zusammen, das zum Beispiel für Renovierungsarbeiten oder Kanalsäuberungen hilfreich wäre. Übrigens müßte der Schlamm, welcher sich ungehindert seit Jahren in den Kanälen ansammelt, als Sondermüll entsorgt werden. Obwohl es sehr viele Probleme sind, welche gelöst werden müssen, gibt es Hoffnung.

kanalarbeiten

An immer mehr Stellen Venedigs kann man beobachten, daß Kanäle gesäubert, Fundamente restauriert oder Fassaden renoviert werden. Eine spezielle Schule auf der Insel San Servolo arbeitet schon seit 1977 daran, Handwerker für den Denkmalschutz auszubilden. Die Teilnehmer bekommen hier ein vertieftes Wissen über die Geschichte, die früheren und die modernen Techniken und Werkzeuge ihres Handwerks, so daß sie effektiv innerhalb einer Gruppe arbeiten können und dabei praktisch lernen, alte handwerkliche Verfahren einzuüben. Außer mit den ökologischen Problemen hat Venedig auch mit wirtschaftlichen zu kämpfen. Nachdem Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien entdeckt hatte, begann der allmähliche Abstieg Venedigs. Die alten venezianischen Handelswege waren nun nicht mehr so interessant. Im 19. Jahrhundert wurde dann Triest zum immer größeren Konkurrenten. Die traditionellen Industrien wie zum Beispiel Glas, Fischerei, Schiff -, und Waffenindustrie konnten nicht ausreichend Arbeitsplätze anbieten, zumal das Arsenal mit dem Schiffbau und den Waffenschmieden 1916 schloß. Waren gegen Ende der Republik noch zirka 140000 Einwohner in Venedig, so leben heute im historischen Zentrum nur noch unter 80000. Der 1808 begonnene Hafen konnte den Warenumschlag immerhin von 0,6 auf 2,4 Millionen Tonnen (1906) bringen, und auch die Entstehung immer neuer Fabriken um Venedig brachte einen ökonomischen Aufschwung, der allerdings auf lange Sicht eben auch viele neue Probleme schuf.

marghera

Porto Margera ist eines der größten, denn mit seinen gefährlichen Industrieanlagen stellt es eine immer drohende Katastrophe dar. Durch die fehlenden Arbeitsplätze im historischen Zentrum und manche Einschränkungen wie zum Beispiel fehlende Autoparkplätze vor der Haustüre, besonders aber durch die maßlos überteuerten Mietpreise hat eine Verschiebung der Bevölkerung aus Venedig auf das Festland nach Mestre stattgefunden. Das Problem verschärft sich noch dadurch, daß auch in Porto Marghera innerhalb weniger Jahre die Arbeitsplätze von 40000 auf 13000 geschrumpft sind. So müssen die Venezianer noch weiter entfernt Arbeitsplätze annehmen. In Venedig wohnen zu bleiben, wird so immer schwieriger. Die Hoffnung vieler liegt auf einer Wiederbelebung des Hafens und dem Ausbau der Personenschiffahrt. Die Produktionsweise jetziger und künftiger Fabriken auf dem Festland soll umweltverträglich sein, und als "Filter" will man Grünflächen und Parkanlagen anlegen. So hoffen Stadtplanungsprojekte Arbeitsplätze in Reichweite Venedigs zu schaffen und Venedigs Bewohner in der Stadt zu halten. Venedig würde dadurch zu einer lebendigen Stadt und die Entwicklung zu einem bloßen Museum verhindert. Es ist wichtig Venedig nicht nur zu konservieren, obwohl es den Touristen, welche den stärksten Anteil an der Wirtschaft haben, nur so gefällt wie es schon immer war. Es gilt die Stadt langsam auf eigene Beine zu stellen, so daß sie sich selber in Zukunft tragen kann und eine wirtschaftlich freie Einwohnerschaft hat. Um Venedig als Stadt am Leben zu erhalten, wird inzwischen auch einiges getan. Ein Beispiel ist das ehemalige Junghansgebäude auf der Giudecca; es soll für "Singles", junge Pärchen und alte Leute umgewandelt werden. Viele Grünflächen werden dort einen freundlichen Charakter bilden, und niedrige Mietpreise machen die kommunalen Wohnungen noch attraktiver. Geplant ist, daß 700 neue Sozialwohnungen, ein Kongreßzentrum und ein Studentenwohnheim durch Umbau der alten Fabrikgebäude entstehen werden. Als Arbeitsplatzquelle hofft die Stadtverwaltung, besonders das Bankwesen weiter auszubauen. Entscheidend ist aber, daß sich Venedig in einer Intensivtherapie befindet, und immer, wenn man irgendwo eine frisch verputzte Fassade oder einen gerade gereinigten Kanal sieht, bekommt man das Gefühl, daß es jetzt langsam aber erfolgversprechend aufwärts geht.

rattetod


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